banner design by Angel Draganov
 Actions

Boards of Canada: Worte sind wie Nadeln, auf jeden Fall gefährlich für schöne, bunte Luftballons


title Boards of Canada: Worte sind wie Nadeln, auf jeden Fall gefährlich für schöne, bunte Luftballons
author Hendrik Kröz
publication Intro Magazine
date 2002/03
issue No.92
pages 32-34




Original Text[edit]

"Boards of Canada: Worte sind wie Nadeln, auf jeden Fall gefährlich für schöne, bunte Luftballons" is an interview (in German) by Hendrik Kröz originally published Mar. 2002 in Intro magazine No. 92, pp. 32-34.

This is an original text copied verbatim from the original source. Do not edit this text to correct errors or misspellings. Aside from added wikilinks, this text is exactly as it originally appeared.


Boards of Canada: Worte sind wie Nadeln, auf jeden Fall gefährlich für schöne, bunte Luftballons[edit]

Boards Of Canada kultivieren seit jeher ein Image des Verschwindens. Sie brüten jahrelang über einer Platte, überreichen das kostbare Geschenk dann in aller Heimlichkeit und ziehen sich wieder komplett zurück. Fotos gibt es keine, Interviews sind rar, und auch live bekommt man sie sehr selten zu Gesicht - das letzte Mal im April 2001 beim All Tomorrow's Parties Festival in Camber Sands, Sussex. Damit lenken Boards Of Canada die Rezeption auf ihre plastisch anmutende, im Niemandsland von Traum und Suggestion operierende Musik. Die Illusion einer persönlichen Verlinkung wird für jene, die in ihren Bann geraten, durch nichts getrübt - weder durch Einblicke ins Privatleben von Mike Sandison und Marcus Eoin noch durch andere Störfaktoren wie Events mit vielen tausend Menschen. Angenehmer Nebeneffekt: Es entsteht ein hübscher Mythos. An diesem wird mit dem zweiten Album "Geogaddi" munter weitergebastelt.



Rückblende. Schottland 1984

Mike und Marcus sitzen in ihrem kleinen Studio in der Nähe von Edinburgh und nehmen zusammen mit Freunden Soundtracks für ihre Super-8-Filme und Videocollagen auf. Hauptinspiration dafür sind TV-Dokus der National Film Board Of Canada. Nicht die einzige Obskurität in ihrem Privatarchiv - die beiden sammeln viel, was im Fernsehen kommt -, aber jene, die ihrer Band den Namen geben soll. Es sind die letzten Tage des Exotendaseins für elektronische Musiker - und so plagen sie sich mit den unzähligen Rock-Coverbands ihrer Stadt herum. Kein langer Kampf, denn der Paradigmenwechsel kam bekanntlich schneller, als diese es sich wünschten. Plötzlich gehörten die Schwarzlicht-Diskos der Vergangenheit an und wurden von hippiesken Outdoor-Happenings abgelöst. Boards Of Canada fanden sich inmitten Gleichgesinnter wieder - was sie damals noch zu schätzen wussten. Doppelt. Und dreifach. Mit ihrer Kombination von Filmprojektion, Kinderschallplatten und monotonen Beats waren sie oft bis zum Sonnenaufgang dabei. Aber es sollte mehr als der Soundtrack für einen Augenblick sein, deshalb gründeten sie flugs ein Label (music70) und schickten Tapes mit dem Namen "twoism" auf die Reise. Ganze sechs Jahre später landete eines davon bei skam records, dem Label von Autechre. Deren Sean Booth zögerte nicht lange und holte all das an Geschwindigkeit nach, was in dieser Geschichte bisher verbummelt wurde: Er fuhr noch am selben Tag gen Norden, um Boards Of Canada für eine 12-Inch zu verpflichten. Allerdings hatte die Sache einen Haken: Die Band musste die Produktion der 500er-Auflage selbst bezahlen. Wenn das für sie in Ordnung ginge, so Booth damals, würde skam die Kosten für die zweite EP, "Hi Scores", übernehmen. Es ging. Danach war aber erst mal Schluss mit Highspeed. Das erste Album sollte erst 1998 erscheinen - dafür aber mit einem besonders pfiffigen Titel: "Music Has The Right To Children".



Traumfänger

"Music Has The Right To Children" hatte es in sich. Um das zu spüren, durfte man sich allerdings nicht vom Kontext blenden lassen - das Label Warp bzw. Vergleiche mit Plaid oder Autechre waren in diesem Fall nur vage Richtungsbestimmungen. Wenn es einem gelang, diese zu ignorieren, malte das Album als großzügige Gegenleistung ein Fragezeichen in den Himmel. Ein seltsames Wechselspiel aus Abgründen und Euphorie, verknüpft zu einem organischen Ganzen, war ihnen da gelungen. In sich irgendwie schizophren. Aber funktional. Und die Klangmixtur war betörend: kaleidoskopartige, seltsam eiernde Synthietexturen, simple Melodien und langsame, in minutiöser Kleinarbeit gezimmerte Beats. Das I-Tüpfelchen aber waren die darauf verwendeten Stimmen, deren Bearbeitung zum Markenzeichen der Band werden sollte. Denn Boards Of Canada interessiert nicht die Stimme in ihrer direkten Verfügbarkeit, sondern ihre Verfremdung - gepitcht, gescratcht und gecuttet, gerade so, wie es die Beats verlangen. Musik zur Zeit - und doch wie aus einer anderen, vergangenen. Ein passender Vergleich: "Strawberry Fields Forever", John Lennons Hommage an seine Kindergartenzeit. In Abgrenzung zu den meisten anderen Veröffentlichungen unserer Tage geht es bei Boards Of Canada nicht um den oberflächlichen Reiz, sondern darum, die Musik tief im Gedächtnis der Hörer einzunisten, damit sie zu gegebener Zeit zurückkehrt - als musikalischer Alien, der wundervolle Dreiklänge im Kopf entstehen lässt. Da wird aus einem Kinderlachen schon mal ein Sonnenstrahl. Nicht nur in unseren Tagträumen, sondern auch nachts, wenn wir nicht schlafen können, weil der Vollmond ins Fenster leuchtet. In diesen Momenten offenbaren sich allerdings auch die Abgründe dieser Musik. Angst fressen Euphorie. Oder wie es der amerikanische Musikjournalist Steve Nicholls (vom xlr8r-Magazin) so schön auf den Punkt brachte: "It was like the tantalizingly elusive parts of a beautiful dream that you struggle to grasp after waking." Boards Of Canada hatten auch für mich immer etwas Morgentau-artiges. Wie einst Carpenter schicken sie einen unschuldig wirkenden Nebel auf die Menschen zu, der diese erst sanft umgibt, bevor sie an ihm festkleben. Dann werden plötzlich auch andere, weniger einladende Facetten sichtbar. Und warum? Sie wollen uns manipulieren. Und das funktioniert auf ihrem ersten Album perfekt: Zuerst wird man mit den Licht- und Schattenspielen, die alles beherrschen, vertraut gemacht. Dann tauchen Nebelhörner und geisterhafte Voice-Samples auf, geraten in die Speichen der Beats - die Maschine kommt in Fahrt. Ein leises Interlude, diffuse dunkle Nebelschwaden kriechen hin und her, ein seltsames Rattern fährt dazwischen, dann der Break - ein weit vorne stehendes schnarrendes Geräusch, nur ganz kurz, prägnant wie ein Stromschlag. Das reicht, um die beabsichtigte Reaktion auszulösen: Entsetzen. Und weiter geht die Klangreise. Eine kalte Rhythmusspur schiebt sich vom Rand ins Geschehen, kommt näher und näher. Doch kurz bevor das Monster zupackt, fällt plötzlich Tageslicht durchs Fenster, und die Wand aus vergilbten Fotos, quälenden Erinnerungen und Schreckgespenstern verschwindet. Jetzt ist man bereit für große majestätische Hits - die mit "Roygbiv", "Aquarius" und "Turquoise Hexagon Sun" gleich reihenweise vorhanden sind.



Warten auf Erlösung

Boards Of Canada sind keine Band für den schnellen Kick. Es wäre geradezu frevlerisch, so etwas bei ihnen zu suchen. Um beim Bild zu bleiben: Man kann die Band als Dauerinfusion sehen, von der man nicht mehr loskommt. Je länger man dran hängt, je mehr man sich mit ihr auseinandersetzt, desto spannender wird der Trip. Irgendwo zwischen den Beats haben die beiden ein Geheimnis versteckt, eine ganz spezielle Mechanik. Wo diese sich genau befindet, ja, was sie überhaupt ist, sie selbst wollten es uns damals nicht erzählen - waren noch nicht mal gewillt, neue Hinweise zu geben. Das Studio sollte für eine viel zu lange Zeit ruhen. Bis 2001 genau geschrieben. Da erschien "In A Beautiful Place Out In The Country", eine EP aus himmelblauem Vinyl. Das war angemessen, denn die Stücke klangen so sanft wie das Rauschen von Blättern im Sommerwind. Trotzdem hing das (schon für viel früher angekündigte) neue Album wie ein reifer Apfel am Baum, wollte aber nicht runterfallen. Das Gerücht, Boards Of Canada säßen in einem Bunker in den schottischen Highlands, um "Geogaddi" den letzten Schliff zu geben, wurde von Warp zwar bestätigt, mehr drang aber nicht nach außen. In den die Band betreffenden Newsgroups im Internet tippten sich Nerds die Finger wund, und manche, die einen neuen Track aus dem Netz gefischt hatten, erzählten den anderen davon (ohne Angabe der entsprechenden URL natürlich). Das las sich dann so: "Track starts off with a typical BOC keyboard, then the beat comes in with bongos playing out of time, voices emerge from the depths of the song, which ends with radio interference sound." Rätsel über Rätsel. Das ließ die Zeit des Wartens wenigstens kurzweilig werden. Irgendwie ist das ja auch schön, dass es noch Bands gibt, deren Alben nicht nach dreimaligem Hören im Regal landen, sondern jahrelange Auseinandersetzung ermöglichen, ja, fordern. Dieses für Boards Of Canada typische Dranbleiben am Backkatalog wird ja auch mit diesem Artikel aufgegriffen. Und eines der schönsten Rätsel vom letzten Track auf "Music Has The Right To Children" - dort hatte eine sachlich klingende Frauenstimme (ähnlich wie die auf Tribe Called Quests "Midnight Marauders") vor einem Gerichtsverfahren gewarnt, das den LiebhaberInnen dieser Platte aufgrund bestimmter Inhalte irgendwann mal drohen könnte. Hmm ...



Mehr als nur Musik

Boards Of Canada betonen die Doppelbödigkeit ihrer Musik stets durch Streuung bestimmter Subtexte, die vortäuschen, Schlüssel zum Verständnis zu sein. Das Gemunkel über versteckte, möglicherweise sublim wirkende Botschaften begleitet jede Veröffentlichung. Auf der letzten EP ist zum Beispiel in den Rillen ein Ausschnitt aus einem Interview mit Amo Bishop Roden, der Führerin der Branch Davidians, einer christlichen Gemeinschaft, die in der Nähe von Waco, Texas wohnt, versteckt. Zuerst versteht man nichts, dann plötzlich den Satz "... come and live in a beautiful place out in the country." Das könnte auch das Lebensmotto von Boards Of Canada sein, von wegen sein Heil in der absoluten Einsamkeit der Natur finden - freilich (bzw. hoffentlich) ohne die sonstigen Aktivitäten der Sekte; diese ist ja vor allem durch ein schlimmes Blutbad berühmt geworden. "Geogaddi" (geo = Erde, gaddi = Kind [auf indisch]), das neue Album von Boards Of Canada, treibt das Spiel mit den Andeutungen auf die Spitze. Aufgenommen wurde es in einem alten Luftschutzbunker, doch über die Beweggründe, einen solch finsteren Ort zum Musikmachen aufzusuchen, hüllt man sich in Schweigen. Dafür ist das begleitende Artwork - verwackelte Aufnahmen von kleinen Kindern, dunklen Engeln und Kaleidoskop-Klimbim im Photoshop-Style - recht beredt in seiner pyramidalen Endzeitsymbolik. Auf dem Cover schwebt ein Mensch mit ausgebreiteten Armen vor einem Sonnenuntergang, der aussieht, als sei er der letzte auf diesem Planeten. Und die Gesamtlänge des Albums beträgt - na klar - exakt 66 Minuten und 6 Sekunden. Sandison und Eoin sind erklärtermaßen Anhänger der Illuminatus-Trilogie von Robert Anton Wilson und Robert Shea (1975). Und bestimmt haben sie auch Kenneth Angers surrealen Horrorklassiker "Lucifer Rising" (1974/76) auf Video. In diesem gibt es eine Szene, die Bobby Beausoleil (Lucifer) in der Badewanne zeigt; der Raum ist in verschossen türkisfarbenes Licht getaucht, und in der Mitte steht eine dunkelrote Pyramide. Legt man die Cover von "Music Has The Right To Children" und "Geogaddi" nebeneinander, ergibt sich haargenau dieselbe Farbkombination. Nur ein Zufall? Vielleicht. Aber es würde schon zu den beiden Verschwörungstheoretikern passen. Die Beatles-Nummer, Paul sterben zu lassen, lieferte ihnen einst die Blaupause für so manch andere Verschwörungsidee. Und man kann sich gut vorstellen, wieviel Spaß es Thomas Pynchons kleinen Brüdern macht, die Spuren zu legen, die von ihren Exegeten in den Newsgroups - berechenbar as berechenbar could be - dankbar für uferlose Diskurse aufgegriffen werden. So wird private Feldforschung zum leckeren Köder: Die Gleichgesinnten hat man sowieso auf seiner Seite, und die Misstrauischen, die zunächst auf Abwehr schalten, werden sich - genau aus diesem Grund - schon irgendwann auf die Suche nach Links zwischen Musik und Verschwörungsfiktion machen. Oder ist alles doch viel weniger clever konstruiert? Könnte ja auch sein, dass Mike und Marcus schlicht und ergreifend Fans sind. Auch gut, dann haben sie ganz ohne Hintergedanken und quasi als angenehmen Nebeneffekt einen Metadiskurs in Gang gesetzt, der nicht mehr zu bremsen ist - zumindest, solange sie sich so wortkarg geben.



Kaffee, Kuchen und Geogaddi

Warp und Zomba haben zur Listening-Session von "Geogaddi" geladen - da die Band untersagt hat, vor der Veröffentlichung Promos zu verschicken. Fick das System. Einmal mehr - auch wenn es Verkäufe kostet. Wie auch immer: Im Roten Salon, Berlin, gibt es Kaffee und Kuchen. Und Musik. Natürlich stilsicher inszeniert. Die Vorhänge werden zugezogen, ein mysteriöses Dia wird eingelegt, und die Show beginnt. Die Spannung steigt. Beim Einstieg verzichten Boards Of Canada diesmal auf das softe Einschmeicheln, statt dessen füllt ein gewaltiges Dröhnen den Raum. Mit "Music Is Math", dem zweiten Stück, kommen die Beats dazu - unglaublich, wie filigran diese wieder zusammengebastelt sind. Und beängstigend, wie dunkel das alles klingt. Die Stimmen kreisen in einer Art Echoschleife durch die Luft, als ob sie keinen Ausgang finden. Und auch drüben, im klanglich angelegten Park bei den Kindern, stimmt irgendwas nicht - die Orgel vom Leierkastenmann kratzt und knirscht ("Beware The Friendly Stranger"). Der Kaffee schwappt kalt in den Tassen. Keine Zeit zum Trinken. Oder besser: keine Ruhe. Gut, dass wir uns nicht selbst Gedanken machen müssen. Boards Of Canada nehmen uns das ab, liefern uns die passende Assoziation: Eine TV-Stimme erzählt etwas von heißer Lava, die ins Meer fließt. Zeit für einen Stimmungswechsel - und einen ersten Hit: "Julie And Candy" biegt mit seiner dahingepfiffenen Melodie und dem euphorisierenden Popflair fast schon erschreckend gutgelaunt um die Ecke. Auch diesmal gibt es wieder Voice-Samples en masse - die ganze Zeit wird irgendwas erklärt, verkündet und gefragt, ganz so, als wollten Boards Of Canada eine große leere Sprechblase durch Überdruck zum Platzen bringen. Erstaunlich, wie es ihnen gelingt, dass dieser Overkill trotzdem nach Musik klingt. Und manchmal gar nach Pop. Beispielsweise, wenn sich bei "1969" eine nymphenhafte Stimme aus dem Kommunikations-Dickicht schält und einfach zu singen beginnt. Anders als bei "Music Has The Right To Children" gehen die Stücke diesmal nicht ineinander über, sondern sind durch Pausen getrennt. Das sorgt für Suspense. Die Gesamtstruktur von "Geogaddi" ist dagegen dieselbe: Längere Exkursionen ins Beat-Entertainment wechseln sich mit atmosphärischen Zwischenepisoden ab: Kinderspielplatz, Meer ("The Beach At Redpoint") und Himmel ("Sunshine Recorder"). Auf "Geogaddi" gibt es euphorische, aber auch verstörende Momente. Der Trick besteht wie immer darin, ganz allmählich die Lautstärke zu erhöhen bzw. Sounds unvermittelt auf den Hörer loszulassen. Bei "Over The Horizon Radar" hat man den plastischen Eindruck, von monströsen Rotorblättern bedrängt zu werden, und die mechanischen Beats von "Gyroscope" (das für die Ausrichtung von Raumstationen zuständige Gerät) beginnen irgendwann regelrecht, Löcher in die Luft zu hacken - Boards Of Canada haben auf "Geogaddi" viel mit Raumklang gearbeitet. "The Devil Is In The Details", der Satanstrack mit Ansage, enttäuscht dagegen: Mönchschor, mystisches Wassertröpfeln und die Schreie des dunklen Kindes klingen eher nach B-Movie als nach Endzeithorror. Soll das alles sein? Nein. Als ich schon nicht mehr damit gerechnet habe, kommt er doch noch, dieser unendlich sehnsüchtige Loop, der als Vorbote von "Geogaddi" auf der BOC-Webseite zu hören war. Alles ist wieder im Lot. Das Stück heißt "A Is To B As B Is To C". Da hätten wir es wieder, das verflixte Dreieck.



... noch Fragen?

Wie nicht anders zu erwarten war, halten sich Boards Of Canada mit Kommentaren zu "Geogaddi" äußerst bedeckt. Ein persönliches Gespräch sei nicht erwünscht, ließen sie via Plattenfirma wissen. Wenn unbedingt nötig, würden sie fünf ausgewählten Magazinen E-Mail-Interviews gewähren. Um es kurz zu machen: Es war nötig. Auch wenn bereits im Vorfeld klar war, dass sie nicht unbedingt aus dem Nähkästchen plaudern würden. Denn Worte sind wie Nadeln, auf jeden Fall gefährlich für schöne, bunte Luftballons. Und deswegen geht das auch in Ordnung für uns.



Habt ihr spezielle Erwartungen bezüglich der Wirkung von "Geogaddi"?
Marcus: Wir hoffen, dass man soviel rausziehen kann, wie wir reingelegt haben. Wenn wir an unserer Musik arbeiten, stellen wir uns nicht wirklich jemanden vor, der am anderen Ende dieses Prozesses losgeht, die Platte kauft und sie hört. Wenn die Leute sich darin so verlieren können wie wir, ist das ein Erfolg. Trotzdem bedeutet es uns - paradoxerweise - sehr viel, wenn die Leute wirklich mögen, was wir machen.
Mir kam es so vor, als gäbe es auf "Geogaddi" mehr Voice-Samples als auf jeder anderen Boards-Of-Canada-Platte zuvor. Es klingt, als hättet ihr versucht, alle Geräusche, die ein Mund erzeugen kann, zu sammeln. Warum seid ihr so fasziniert von der menschlichen Stimme?
Mike: Weil sie ein faszinierendes Instrument ist. Niemand fragt nach der Verwendung von Gesang auf Platten von anderen Leuten - in herkömmlicher Popmusik gehört sie einfach dazu. Wir versuchen, Stimmen dazu zu bringen, unnatürliche Dinge zu machen, weil wir das interessanter finden. Ich denke, es fühlt sich so an, als hörte man einen normalen Song, aber dann gibt es da eine Art Interferenz im Kopf, in Gang gesetzt durch die Musik.
Gibt es einen Grundgedanken, der euer Debütalbum "Music Has The Right To Children", die EP "In A Beautiful Place Out In The Country" und "Geogaddi" miteinander verbindet?
Mike: Wir wollen, dass die Platten wie eine Reise sind, die dich Schritt für Schritt von der realen Welt wegbringt. Ich denke, mit "Geogaddi" bewegen wir uns weiter in Richtung Traumwelt. Man könnte es sich so vorstellen, dass wir auf dieser Platte ein beschädigtes menschliches Gehirn wieder in Gang setzen und wahllos bruchstückhafte Erinnerungen an Musik und Klänge triggern, während es wegdriftet und zu träumen beginnt.
Euer erstes Album war eine verführerische Einladung, in Gedanken die eigene Kindheit wieder aufzusuchen. Wo liegt für euch die Verbindung zwischen "geo" und "gaddi"?
Marcus: Das ist zwar nur eine mögliche Interpretation des Titels, aber ich würde schon sagen, dass unsere Musik einer Gedankenwelt entspringt, die auf unschuldigere Zeiten unseres Lebens zurückblickt. Wenn man erwachsen wird, verliert man einen Teil der Liebe, die man als Kind für die Welt empfindet.
Boards Of Canada haben viele Gesichter. Beispielsweise besteht ein großer Unterschied darin, ob man eure Musik tagsüber hört oder mitten in der Nacht. Welche Rolle spielen Lichtverhältnisse in eurer Musik?
Mike: Ich denke, es gibt in unserer Musik eine Balance zwischen hellen, positiven und reflektierenden Momenten und solchen, die eher angespannt und dunkel sind. Ich weiß nicht, ob das zum Hörer durchdringt, aber wenn ich Musik mache, muss ich viel vom Himmel sehen. Was nicht heißen soll, dass die dunkleren Momente in der Musik jetzt auch im Dunkeln entstanden sind oder so, es ist einfach eine Mischung aus beidem. Normalerweise mache ich eher tagsüber Musik, vielleicht brauche ich die Photosynthese dafür ... Marcus macht aus verschiedenen Gründen lieber nachts Musik.
Das Wort "Morgentau" hat im Deutschen zwei Bedeutungen: erst mal der Tau, der morgens fällt, und dann noch die kleine Pflanze desselben Namens. Sie sieht hübsch aus und fängt kleine Insekten, die sich, von ihrem Anblick angezogen, auf ihre Blätter setzen. Ich finde, das ist ein passendes Bild für die Catchyness eurer Musik ...
Marcus: Ich mag dieses Bild, weil ich unsere Musik auch so sehe: schön von außen, von innen betrachtet aber dunkel und komplex.
Wie würdet ihr eure Beziehung zur Traumwelt beschreiben?
Mike: Sie ist eine große Inspiration für mich, ich schreibe oft Melodien, wenn ich träume. Neulich hatte ich einen seltsamen Traum: Ich stand nachts mit meiner Freundin auf einer Straße, und plötzlich flog ein sechs Meter Einhorn über unsere Köpfe hinweg, landete auf einem Feld hinter ein paar Büschen, verwandelte sich in eine große Nadel und schoss senkrecht in den Nachthimmel. Was hat so was zu bedeuten?
Vielleicht, dass ihr angewandte Surrealisten seid?
Marcus: Ich vermute, dass viel von dem, was wir musikalisch machen, surreal ist. Wir lassen uns von surrealen Ereignissen und Visionen inspirieren. Manchmal, wenn man etwas missversteht, das irgend jemand sagt, kann es eine ganz neue Bedeutung bekommen, die komplett surreal, aber wundervoll ist. Ich denke, dass das unseren Zugang zur Musik gut auf den Punkt bringt - wir wollen, dass alles ein bisschen seltsam klingt, wie Musik aus einer anderen Dimension.


Unter www.intro.de verlosen wir 5 exemplare des neuen Boards of Canada-Albums "Blue Window"



Translated text  [edit]

Nuvola apps package editors.png
This article needs to be translated. If you can provide a translation, please update this article!




Highlights and Notes[edit]

Scans  [edit]

References  [edit]